Tierische Invasion

Neozoen im Bodensee


Mit Kolumbus fing alles an.... Damals nach 1492, also der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, wurden die ersten Tierarten vom Menschen in Gebiete außerhalb ihrer Heimat verschleppt und konnten dort über längere Zeit wild leben. Solche Tierarten nennen die Wissenschaftler Neozoen. Derzeit sind in Deutschland rund 1500 dieser Einwanderer registriert - Tendenz steigend. Die Wege, auf denen die Zuwanderer nach Mitteleuropa kommen, sind vielfältig: Die Chinesische Wollhandkrabbe ist beispielsweise als blinder Passagier im Ballastwasser von Tankschiffen auf große Fahrt gegangen und besiedelt seit 1920 die Nord- und Ostseeküste.

Die Spanische Wegschnecke, Todfeind aller Kleingärtner, reiste in den 1960er Jahren auf Gemüsetransportern ein und vermehrte sich explosionsartig. Der weltweite Handel und der Tourismus haben die natürlichen Barrieren wie Berge, Flüsse und Meere, die die Arten an der ungehemmten Ausbreitung hindern, außer Kraft gesetzt – exotische Tiere werden in Gebiete eingeschleppt, die sie ohne menschliche Hilfe nie erreicht hätten. In den Bodensee wurden die meisten fremden Tierarten vermutlich mit Sportbooten eingeschleppt oder von Aquarianern 'befreit'.

Inzwischen hat man erkannt, dass die Verbreitung eingeschleppter Arten eine wichtige Ursache für das weltweite Artensterben ist, denn häufig haben sie keine natürlichen Feinde und können die einheimischen Arten verdrängen.

Ein aktuelles Beispiel ist auch der Große Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) im Bodensee. 2002 wurde diese bis 2,5 cm große Art zum ersten Mal im Bodensee gesichtet und schon 2004 war der einheimische Flohkrebs im See stark reduziert. Was war geschehen? Der Eindringling aus dem Schwarzmeerraum hatte den alten Bodenseebewohner einfach "weggeputzt". Eingeschleppt wurde er wahrscheinlich am Rumpf eines Bootes.

Biologen haben außerdem beobachtet, dass sich der Höckerflohkrebs besonders gern an Stellen aufhält, an denen die Dreikantmuschel Dreissena polymorpha vorkommt. Der Flohkrebs frisst alles, was etwa so groß wie er selbst ist. Die Dreikantmuschel ist ein anderer Einwanderer, der sich seit den 60er Jahren massenhaft im Bodensee verbreitet hat. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen Muschel und Krebs? Die Dreikantmuschel ist begehrtes Futter von Wasservögeln. Diese haben daraufhin ihr Zugverhalten im Winter verändert und überwintern schon am Bodensee, um die Muscheln zu fressen, anstatt – wie früher – weiter in den Süden zu fliegen. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie die Neozoen das gesamte ökologische Gefüge des Bodensees verändern.
  • Wie genau sehen diese Veränderungen aus? Wie wird das Ökosystem Bodensee durch die neuen, eingeschleppten Tierarten verändert?
  • Welche Abwehrstrategien können gegen zukünftige Neueinwanderungen entwickelt werden?
Diese Fragen untersuchen die Wissenschaftler am Bodensee, wenn sie mit aufwendigen Versuchsanordnungen, bei nächtlichen Tauchgängen, aber auch mit geduldiger Laborarbeit das Verhalten und die Lebensweise der Neozoen erforschen.

Aber auch darüber hinaus besteht Forschungsbedarf:
  • Ist auch der Mensch betroffen? Welche Wirkungen auf den Fischbestand, aber auch auf andere Bereiche der Seenutzung wie Fischerei, Schifffahrt und Tourismus sind zu erwarten?ü
  • Oder was passiert, wenn die Dreikantmuscheln die Einlaufstutzen der Wasserversorgungsanlagen verstopfen?
Das Problem der Neozoen wird, am Bodensee genauso wie an vielen anderen Orten, die Wissenschaft in Zukunft weiter beschäftigen.

Kamera:
Stefan Werner (über Wasser)
Martin Mörtl (unter Wasser)
 
Suche
Forschungsgebiete Universitäten Standorte Zeitraum der Berichterstattung